Hits & Misses from the Crazy World of British Football
Fußball & Musik – eine über die Jahre erstaunlich
produktive Verbindung. Ob Fangesänge, singende Athleten, Vereins- und
Turnier-Hymnen oder Pop zum Thema – unter einer Menge nicht weiter
erwähnenswertem Trash gilt es, die eine oder andere faszinierende Ausnahme
ans Licht zu befördern. Und wo fängt man praktischerweise damit
an? Natürlich im UK, wo bekanntermaßen die Mutterschaft für
sowohl Popmusik als auch Fußball reklamiert wird. Beides werden nur
die Wenigsten bestreiten. Hin und wieder können kontinentale Mitbewerber
die Brit-Pioniere schon mal überraschen, dann wackelt das Empire, aber
es fällt nicht.
Bis uns die an der Quelle agierenden Archiv-Profis von FC45.de
mit der ultimativen Best-of-Germany womöglich eines Besseren belehren,
stellen wir die These auf: musikalisch haben die Tommies immer noch klar
die Nase vorn. Als Indiz die vorliegende kleine Sammlung von Volltreffern
und charmanten Fehlschüssen von der Insel. Anpfiff!
It’s only a game – nur ein Spiel das Ganze,
aber wie schwer tun sich die Deutschen allein mit dem dritten Tor von Geoff
Hurst in Wembley 1966 – immer noch, obwohl die Engländer ja letztendlich
4:2 gewonnen, also noch ein weiteres Tor geschossen haben. Auf dem Weg zu
diesem meistdiskutierten Goal ever wurden die britischen Zuschauer
täglich mit der Hymne der Easy Listening-Fachkraft John Schroeder
beschallt: On The Ball... (war sie denn nun drin,
die verdammte Kugel?)
Alan Randall, leider im April 2005 verstorben, versuchte
sich im Stil des legendären britischen Komikers George Formby, bekannt
für seine Banjulele (eine Kreuzung aus Banjo & Ukulele). Als Coventry
City-Supporter wird in diesem Football-Song sein Club als Einziger zweimal
genannt, während sich Randall bemüht, alle 92 englischen Liga-Teams
unterzubringen – wie viele hat er geschafft?
Ska-Godfather Laurel Aitken, ebenfalls gerade erst verstorben,
wurde für das Chelsea-Team der Prä-Abramovic-Ära aktiv, was
z.B. die Namen Vialli und Zola in seiner Uptempo-Version von „Montego
Bay“ inklusive einiger fast teutonisch anmutender Anfeuerungen beweisen.
Kick off!
Njall Helles Hommage an die Champions von Nottingham Forest
führt uns vom Ska über Soul in Richtung Football-Disko –
Rod Stewart-Style wohlgemerkt. Das „Do Ya Think I´m Sexy“
des ebenfalls fußballmusikalisch verhaltensauffälligen Schotten-Patrons
wurde dabei ähnlich schamlos beklaut, wie Rod das anno´79 bei
Jorge Ben versucht hat – nur gerecht.
Gefolgt von einem Stück ähnlich origineller Rock´n’
Roll–Fußball-Helden-Verehrung: Frank “Koteletten-King”
Worthington, mittlerweile Norwich City-Manager, aber zuzeiten noch
bei Leicester City auf dem Feld beschäftigt. Kein anderer als Fußball-Song-Eminenz
Monty zeichnet auch für die Elvis-nahe Lobpreisung
Worthingtons durch die Joe Jordanaires (Wortspiel aus Elvis’
Backing Band, den Jordannaires, und Joe Jordan, einem Mitglied des Leeds
United-Trainerstabs, inzwischen bei Portsmouth) verantwortlich.
Die Fulham Flurries gehen danach mit Lee Hazelwood’s
Klassiker “These Boots Are Made For Walking”
ähnlich sanft um, wie die sogenannten „Cottagers“ mit ihren
Gegnern auf dem Platz.
Bekanntermaßen sind auch die englischen Fans generell nicht allzu
zarte Gemüter: Niall „Big Man“ Quinn ließ
sich einst von Fotografen unvorsichtigerweise in einer italienischen Disco
mit übergrossen, abgeschnittenen Jeans erwischen, was den hier in eine
Adam & the Ants-Tribute-Nummer überführten Gesang auf den
Rängen zur Folge hatte, wo immer Quinn antrat.
Maßgebliche Teile von Van McCoy’s “Hustle” wurden
bereits 1977 auf eine für Liverpooler Fans musikalisch unüblich
geschickte Weise für den groovenden Football Hustle
des Kop Unlimited Orchestra ausgeborgt, die B-Seite der
Single „My Liverpool“.
Der “Daydream Believer” der Monkees wird danach
zum seligen Lobgesang auf den ehemaligen Manager von Sunderland, dem Spitzenreiter
der zweiten englischen Division zu dieser Zeit. Cheer Up, Peter Reid!
Die Walliser Indierocker Barker weiterhin besingen einen
namenlosen 70s Football Star – “eifriger als
(Kevin) Keegan, besser als (George) Best.“ Könnte es sich dabei
vielleicht um Robin Friday handeln, einen tragischen Fall, der, als er per
Zug zur Unterschrift seines Vertrages bei Cardiff City fahren wollte, ohne
Ticket erwischt wurde?
Wir bleiben in Wales, wo der Rainbow Choir sich in Beach
Boys Manier ganz sanft und exotica-like den Manchester United-Getreuen Ryan
Giggs vorknöpft.
Fulham’s Les (& Paul) Barrett kommen dagegen
gleich zur Sache und verlangen direkt nach Liebe – und woher kennt
man nur diese eingängige 60s-Pop-Nummer?
Um Liebe bitten auch Her (und gewinnen die goldene Pflaume
für den dämlichsten Gruppen-Namen) und zwar mit dem international
bekannten, in die J-League abgewanderten Gary Lineker, sogar zweisprachig:
Konnichi wa Gary.
Lineker als jetziger BBC-Moderator wäre als Spieler dauerpräsent
gewesen in der seit 1971 wochentags ausgestrahlten „Sportsnight“-Show
des Senders, deren Erkennungsmelodie von Tony Hatch stammt
(wie “Downtown”, der Megahit für Petula Clark oder Material
für Paul McCartney & seine Wings).
Die mysteriöse Lady Helen of Hampshire durfte nicht
wie Sir Paul für ein Bond-Thema ran, verwertet aber munter Goldfinger-Ingredenzien
und vergleicht ihren Schwarm, Southamptons „Saint“ Mick
(Channon) mit dem Original-TV-„Saint“ Simon Templar,
einem anderen britischen Top-Spion.
Leicester City-Fans haben normalerweise wenig Anlass für Jubelgesänge,
aber die Bangers und ihre Bläser-Sektion teilen uns
immerhin mit, dass, wenn sich niemand bewegt, auch niemand zu Schaden kommen
wird – eine Taktik, die Leicester seit Jahren in die Praxis umsetzt.
Und diese Weisheit könnte ebenfalls Anwendung finden im Umfeld
des alten Gascoigne-Testikel-Quetschers Vinnie Jones und
seiner umstrittenen Version von Sam the Shams reichlich abgenudeltem „Wooly
Bully“. Manche sagen, dass dies Stück Musik als klassisches
Beispiel dafür gelten kann, dass Fußballer niemals Platten aufnehmen
sollten, während andere meinen, dass Vinnie Jones nur als Kult und
generell eh unschuldig begriffen werden muss.
(„Vinnie Jones was innocent!“) Und wir wollen auf dieser völkerverbindenden
Scheibe natürlich beiden Parteien Raum geben.
Das schon augenzwinkernd “offiziell” betitelte World
Cup Theme von Colourbox ist vielleicht das beste
Fußball-Instrumental, das gar nicht im direkten Zusammenhang mit dem
runden Leder geschrieben wurde und dennoch den Weg in diverse Sport-Sendungen
gefunden hat – Klasse setzt sich eben durch!
Unsere CD beschließt - nach einer kurzen Visite beim sympathischen
Reporter-Fanatiker von Power FM - der leider ebenfalls
bereits von uns gegangene Brian Clough. Er war der vielleicht
beste Manager, den England nie hatte – und wurde musikalisch unterstützt
vom Gutmenschen JJ Barrie, dem die Welt den kaum zu glaubenden Tränendrücker
“No Charge” verdankt. Cloughie entlässt uns also mit seinem
für alle Einsichtigen und Fussball-Weisen programmatischen Titel „It´s
Only A Game“ („...it drives the population all insane“)
– Keep that in mind, folks...
Trevor Wilson
www.fc45.com
Vorwort und Übersetzung: Stefan Rambow